Wenn manuelle Therapie fehlt: Warum Apparate-Medizin das Haftungsrisiko erhöht
Wie die südkoreanische Wirtschaftszeitung Asia Economic Daily berichtet, schnellen Schadenersatzansprüche rund um Hydrojet-Therapie um 218 Prozent nach oben – ausgelöst durch zunehmende Einschränkungen manueller Therapie.
Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 22. September 2026

Auch Kryotherapie-Anwendungen verzeichnen laut Tageszeitung Chosun Ilbo einen dreifachen Anstieg bei Haftungsfällen. Klingt nach fernem Asien-Markt. Ist es aber nicht.
Was die Zahlen wirklich zeigen
Die Headlines erzählen eine simple Geschichte: Wo manuelle Therapie regulatorisch eingeengt wird, wandern Patienten und Behandler auf Geräte aus. Hydrojet – Überwasser-Druckstrahlmassage – und Kältekammern sind keine neuen Verfahren. Sie werden aber offenbar als Ersatz verschrieben und verkauft, wenn Hand-Techniken nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Rechnung folgt einer Mechanik, die jeder von uns aus dem Heilmittelalltag kennt: weniger manuelle Therapie, mehr Apparat, mehr Anbieter, weniger therapeutische Steuerung, mehr Komplikationen. Am Ende zahlt die Rechnung nicht der Verordner. Am Ende zahlt der Patient – mit Schmerz, mit Zeit, mitunter mit einer Hautverletzung nach zu langem Kälteschock.
Übersetzt auf unseren Alltag
In Deutschland funktioniert das Prinzip genauso – nur etwas langsamer und mit freundlicherer Beschriftung. Die Heilmittelverordnung, die Budgetdeckelung, die Vorgaben einzelner Kassen: lauter Hebel, die unsere Auswahl Stück für Stück einschränken. Und jedes Mal, wenn eine Technik wegfällt, springt etwas anderes in die Lücke. Meistens ist es das, was sich gut abrechnen lässt und gleichzeitig auf einem schicken Plakat wirkt. Belastungstoleranz, Red Flags, individuelle Dosierung? Fehlanzeige. Die Folgen dieser Verschiebung tauchen nicht sofort in der Praxis auf – sie tauchen in den Schadensbilanzen auf. Genau das sehen wir gerade in den genannten Zahlen, nur einige Tausend Kilometer weiter östlich.
Worauf ich jetzt achte
Patienten bekommen bei mir weiterhin das, was evidenzbasiert sinnvoll ist – nicht das, was gerade als Alternative gut über Theke geht. Hydrojet und Kältekammer haben ihre Indikationen, aber sie sind kein Ersatz für eine saubere manualtherapeutische Befundung. Wer sein Heilmittelbudget für Geräte umleitet, sollte sich ehrlich fragen, ob er damit tatsächlich Schmerz reduziert – oder nur seine eigene Haftungsbilanz aufhübscht. Die Zahlen aus Asien sind ein Warnschuss, keine Randnotiz.