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Starker Rücken, freie Bewegung, jeden Tag.

Eine Kolumne von Jörn Röttger

Meldung

Myofasziale Entspannung: Zwischen evidenzbasierter Therapie und Wellness-Versprechen

Die Trinidad Guardian stellt aktuell eine Sport- und Remediationsmasseurin aus Trinidad und Tobago vor, die myofasziales Release mit gepulsten elektromagnetischen Feldern kombinieren will.

Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 16. September 2026

Myofasziale Entspannung: Zwischen evidenzbasierter Therapie und Wellness-Versprechen

Ihr Gerät trägt den Namen Electrons Plus und ist nach Eigenangaben nur einmal im Inselstaat im Einsatz. Klingt nach Exklusivität – ist aber vor allem ein Grund, genauer hinzuschauen. Was die Quelle über die Wirkmechanismen berichtet, liest sich streckenweise wie eine Wellnessbroschüre und weniger wie eine physiotherapeutische Befunddokumentation.

Was Myofaszie tatsächlich leistet

Myofasziales Release adressiert das kollagene Bindegewebe rund um Muskeln, Sehnen und Gelenkkapseln. Manuell arbeiten wir mit gezieltem Druck, Scherkräften und Bewegung, um Gleitfähigkeit im Gewebe herzustellen und mechanische Spannung umzuverteilen. Das funktioniert – vorausgesetzt, wir prüfen die Belastungstoleranz des Patienten, schließen Red Flags sauber aus und bleiben in der Biomechanik statt im Wolkenkuckucksheim. In der Praxis heißt das: Anamnese, Funktionsbefund, Dosierung, Re-Test. Wer hier Verklebungen einfach wegmassiert, ohne die Ursache der erhöhten Spannung zu kennen, hat das Prinzip noch nicht verstanden.

PEMF – altbekannt, neu verpackt

Das im Trinidad-Guardian-Artikel erwähnte Verfahren heißt ausgeschrieben Pulsed Electromagnetic Field Therapy, kurz PEMF. Niedrigfrequente Magnetfelder sollen Mikrozirkulation anregen und den Zellstoffwechsel modulieren. In der evidenzbasierten Medizin ist PEMF kein Unbekannter – es wird seit Jahrzehnten etwa in der Frakturheilung und in der Wundbehandlung eingesetzt. Die Wirkung ist indikationsabhängig, nicht universell. Was die zitierte Quelle ergänzt, klingt deutlich ambitionierter: Die Therapeutin beschreibt, dass sie beim Arbeiten über die Hände gleich mit aufgeladen werde, Blockaden im Nervensystem spürbar in die Hände zurückprallen würden und das vegetative System in eine tiefe somatische Leichtigkeit finde. Begriffe wie Recharging des zellulären Systems durch Elektronenabsorption gehören in die Wellnessbroschüre, nicht in eine physiotherapeutische Dokumentation. Alleinige Anwenderin eines Geräts zu sein, klingt nach Exklusivität – ist aber kein Wirknachweis.

Was Therapeuten jetzt prüfen sollten

Maschinen sind Werkzeuge, keine Heilsbringer. Wer ein PEMF-Gerät anschafft oder in der Praxis einsetzt, sollte Herstellerangaben konsequent von klinischen Studien trennen. Die Kernfragen lauten: Bei welcher Indikation ist die Wirkung tatsächlich belegt? Wo hört die Evidenz auf und wo beginnt der Verkaufstext? Wie sieht die Studienlage zur konkreten Anwendung am Bewegungsapparat aus, etwa bei chronischen Nacken- oder Rückenbeschwerden? Und – nicht ganz unwichtig – was leistet eigentlich meine eigene Hand, die dosiert, fühlt und jeden Tag neu individuell anpasst? Technik kann clinical reasoning ergänzen, sie ersetzt es nicht. Wer beides verbindet und gegenüber Patienten offenlegt, was im Hintergrund werkelt, arbeitet transparent. Wer nur das Gerät verkauft, hat seinen Werkzeugkoffer noch nicht sortiert.