Physiotherapie in der Praxis: Evidenzbasierte Reha-Prinzipien und die Zusammenarbeit mit Hausärzten
Die American Academy of Family Physicians (AAFP) hat ein neues Review zur Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und Physiotherapeuten veröffentlicht – inklusive Reha-Prinzipien, Schmerzmonitoring und…
Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 16. September 2026

Die American Academy of Family Physicians (AAFP) hat ein neues Review zur Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und Physiotherapeuten veröffentlicht – inklusive Reha-Prinzipien, Schmerzmonitoring und Eskalationspfade, wenn nichts vorangeht. Für unsere deutsche Praxis ist das Papier ein willkommener Anlass, vier Wahrheiten auszusprechen, die wir Therapeuten jeden Tag leben – und die in der Heilmittelrealität ständig untergehen.
Belastung schlägt Dogma
Das Paper beziffert: Rund 40 Prozent aller Hausarztbesuche betreffen den Bewegungsapparat, bis zu 20 Prozent davon enden in einer PT-Überweisung. Das sind die Zahlen, die wir gegen jede Kasse ins Feld führen, die das Heilmittel streichen will. Muskuloskelettale Versorgung IST Hausarztarbeit – und die braucht uns. Spannender noch: Slow Resistance Exercises sind dem Review zufolge bei vielen Diagnosen genauso wirksam wie rein exzentrische Protokolle, einfacher zu beschreiben und brauchen weniger Frequenz. Wir müssen nicht jeden Patienten mit schweren exzentrischen Einheiten quälen, nur weil irgendein Lehrbuch das so vorschreibt. Belastungstoleranz, sauber dosiert, schlägt Dogma.
Pain-Monitoring – endlich evidenzbasiert
Die Empfehlung des Reviews ist eindeutig: Rehabilitationsprogramme, die moderaten Schmerz während der Übung zulassen, zeigen vergleichbare Ergebnisse bei Schmerzreduktion und Return-to-Play wie schmerzfreie Protokolle. Für unsere tägliche Arbeit ist das die Legitimation, dem Patienten klarzumachen: Null Schmerz ist kein Therapieziel. Wer vor jedem Zwicken in die Schonhaltung flieht, verliert Monate – und uns die Compliance. Das ist keine Esoterik, das ist patientenorientierte Evidenz. Genau das, was wir in der Patientenaufklärung predigen, steht jetzt in einem Hausarzt-Paper schwarz auf weiß.
Vier Stellschrauben, wenn es klemmt
Der wertvollste Teil kommt zum Schluss: Wenn Patienten unter adäquater Rehabilitation nicht vorankommen, sollen Hausärzte – und wir mit ihnen – vier Faktoren prüfen. Suboptimale Adhärenz, persistierende mechanische Überlast, unzureichende Verbesserung und unpassende Übungsdosierung. Das ist ehrliche Reihenfolge. Wer reflexartig die Adhärenz anprangert, ohne zuerst Verordnung und Belastungsprofil zu prüfen, verdreht die Therapie. In unserer Praxis: erst Verordnung lesen, Belastungsprofil anschauen, Patient befragen, dann Übung anpassen. Diese Reihenfolge spart Zeit, Nerven – und oft genug eine Folgeverordnung.
Die deutsche Versorgungsrealität kennt keinen flächendeckenden Direktzugang wie die USA, und viele Kassen verlangen weiterhin die ärztliche Verordnung. Das Grundproblem bleibt aber identisch: Zu viele Patienten landen mit schwammiger Diagnose bei uns oder mit einer Verordnung, die nicht zur Diagnose passt. Wer als Therapeut auf Augenhöhe mit dem Arzt sprechen will, muss dessen Sprache sprechen. Das AAFP-Review liefert das Vokabular frei Haus – nutzen wir es.