Warum aktives Bewegen bei Rückenverspannungen besser wirkt als passives Dehnen
Andrew Gorecki, DPT, Mitgründer von MovementRX, erklärt gegenüber Fit&Well, warum aktive, wiederholte Bewegung dem passiven Stretching bei einem „verriegelten" Rücken überlegen ist.
Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 21. September 2026

Dehnung? Eher nicht – das sagt die Evidenz
Ein US-Physiotherapeut widerspricht dem Reflex, den verspannten Rücken zu dehnen. Dr. Andrew Gorecki, DPT, Mitgründer von MovementRX, erklärt gegenüber Fit&Well, warum aktive, wiederholte Bewegung dem passiven Stretching bei einem „verriegelten" Rücken überlegen ist. Für unsere Praxis kein neuer Gedanke – aber die Begründung aus seinem Mund trifft den Kern, warum Patienten nach der dritten Dehnungsserie frustriert aufgeben.
Warum Dehnen bei guardierten Muskeln scheitert
Gorecki bringt es auf den Punkt, den ich meinen Patienten seit Jahren predige: Ein Muskel, der den Rücken schützt, lässt sich nicht durch Ziehen öffnen. „Stretching asks the muscle to let go while you actively pull on it – das ist das Gegenteil davon, wie das Nervensystem auf Sicherheit entscheidet", sagt er sinngemäß. Die Muskulatur rund um eine steife Lendenwirbelsäule befindet sich in einer Schutzschaltung. Passive Dehnung triggert genau diesen Schutz – der Muskel spannt weiter, statt loszulassen.
Klingt banal, ist aber der häufigste Fehler im Heimtraining: „Ich hab schon alles gedehnt, aber es hilft nicht." Stimmt – weil die Methode das Problem nicht adressiert.
Die drei Übungen, die laut Gorecki wirken
Seine Empfehlung: Cat/Cow, sitzende Wirbelsäulenrotationen und Lumbar Rocks. Allen gemeinsam ist das Prinzip „aktiv und wiederholt". Das Nervensystem senkt die Schutzschaltung, wenn es 15 Wiederholungen einer Bewegung ohne negative Konsequenz erlebt – so seine Logik.
Dosierung laut Gorecki:
- Cat/Cow: 10 Wiederholungen, zweimal täglich
- Sitzende Rotationen: 8–10 Wiederholungen, einmal täglich
- Lumbar Rocks: 10–15 Wiederholungen, zweimal täglich (morgens und abends)
Equipment: Stuhl und Yogamatte. Kein Studio, keine Maschine.
Worauf es bei der Ausführung ankommt
Genau hier entscheidet sich, ob die Übung wirkt oder zur Gewohnheitsbewegung verkümmert. Drei praktische Punkte aus Goreckis Tipps, die ich in der Praxis täglich sehe:
Cat/Cow: Aus der neutralen Wirbelsäule starten, nicht aus der Kyphose. Bewegung am Steißbein beginnen und Segment für Segment nach oben wandern lassen. Wer den Oberen Rücken zwischen den Schulterblättern bewegungslos lässt und nur Becken plus Hals kippt, trainiert am Ziel vorbei. Atmen nicht vergessen – Ausatmung in die Katze, Einatmung in die Kuh.
Sitzende Rotation: Hier wird fast immer geschummelt. „Das ist keine Lendenwirbelsäulenübung", stellt Gorecki klar. 90 Prozent der Drehung passiert in der Brustwirbelsäule. Hebt sich beim Drehen das Gesäß von der Sitzfläche, rotiert das Becken – fertig ist die Kompensation. Lösung: Kleines Kissen oder zusammengerolltes Handtuch zwischen die Knie klemmen. Drehung muss aus dem Brustkorb kommen, angeführt vom Brustbein, nicht vom Kopf.
Red Flags, die wir nicht übersehen dürfen
Bevor jetzt jeder loslegt: Gorecki nennt klare Kontraindikationen, die wir Therapeuten in jeder Anamnese abklären müssen – Osteoporose, bekannte Wirbelkörperfrakturen, akute Bandscheibenvorfälle, Spondylolisthesis, Pars-Frakturen, Spinalkanalstenose oder kürzliche Wirbelsäulenoperationen. Wer in eine dieser Kategorien fällt, gehört nicht ins Heimprogramm, sondern in ärztliche und physiotherapeutische Begleitung.
Was das für unseren Alltag bedeutet
Ich werde in der Praxis oft gefragt: „Was kann ich zu Hause tun?" Die Antwort ist selten „mehr Dehnen". Wer morgens und abends konsequent diese drei Bewegungen durchführt – sauber ausgeführt, nicht als Pflichtübung –, bekommt in vier bis sechs Wochen spürbare Veränderung. Wer es nur zweimal macht und dann aufhört, darf sich über ausbleibende Wirkung nicht wundern. Compliance schlägt Perfektion.
Für unsere Patienten heißt das: Erst die Schutzschaltung lösen, dann – wenn nötig – dosiert mobilisieren. Dehnung kommt später, nicht zuerst.