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Eine Kolumne von Jörn Röttger

Meldung

KI in der Physiotherapie: Was die App Flok für unsere Praxis bedeutet

Eine 63-jährige Britin schildert in der Daily Mail, wie eine KI-gestützte Physiotherapie-App namens Flok Health ihre zweijährigen Ischiasbeschwerden innerhalb von vier Wochen deutlich gelindert hat.

Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 21. September 2026

KI in der Physiotherapie: Was die App Flok für unsere Praxis bedeutet

Flok ist nach Angaben des Unternehmens das erste KI-System Europas mit Zulassung für einen eigenständigen Versorgungspfad und behandelt inzwischen über 6,6 Millionen Patientinnen und Patienten in 14 NHS-Regionen. Für uns Therapeuten ist das keine Randnotiz, sondern ein Lackmustest: Was können wir an eine Maschine abgeben – und was auf keinen Fall?

Was Flok eigentlich macht

Patientin Teresa Allcock aus Northamptonshire bekam über die App einen Vier-Wochen-Plan mit Sitzrotationen, Beinstreckungen und Nervengleitübungen – voraufgezeichnete Videos, keine Live-Sitzung, keine Therapeutin, die sie sieht. Das kennen wir. Das sind Standardübungen, die wir täglich verordnen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob diese Übungen wirken, sondern ob ein Algorithmus Belastungstoleranz, Schmerzverhalten und Compliance eines Patienten ohne klinische Beobachtung sicher einschätzen kann. Wir alle wissen, wie Patientinnen und Patienten Übungen „modifizieren", wenn niemand hinschaut.

Was an der Evidenz fehlt

Flok selbst berichtet, dass über 2.500 Rückenschmerzpatienten behandelt wurden und 80 Prozent die Erfahrung als gleich gut oder besser als Präsenztherapie bewerteten. Klingt stark – aber keine dieser Zahlen ist peer-reviewed publiziert. Die BBC hat zudem eine handfeste Limitation dokumentiert: Die voraufgezeichnete virtuelle Physiotherapeutin sieht den Patienten nicht. Wer eine Übung falsch ausführt oder Schmerzveränderungen verschweigt, fällt durch sämtliche Sicherheitsnetze. Elizabeth Stuart, Biostatistik-Chefin an der Johns Hopkins Bloomberg School, erinnert gegenüber der BBC daran, dass KI-Tools genauso sorgfältig geprüft werden müssen wie andere medizinische Interventionen und dass sich manche Modelle nach der Zulassung im Hintergrund weiter verändern. Genau das ist der Punkt: Was im Oktober 2025 zugelassen wurde, muss nicht das sein, was im Januar 2027 auf dem Bildschirm läuft.

Was das für unsere Praxis bedeutet

Flok adressiert eine Wartelistenkrise: Etwa 500.000 NHS-Patienten warten auf Physiotherapie, manche über 18 Wochen. In deutschen Praxen ist die Lage nicht fundamental anders, der Druck zur Skalierung ist real. Trotzdem bleibt unsere Kernkompetenz die klinische Beobachtung, nicht das Abarbeiten von Übungsprotokollen. Passend dazu zeigt eine Netzwerk-Meta-Analyse in PLOS One mit knapp 10.000 Kniearthrose-Patienten, dass einfache Interventionen – Knieorthesen, Hydrotherapie, Bewegung – zu den wirksamsten nicht-medikamentösen Optionen zählen. Ultraschall landet am unteren Ende. Die Autorinnen und Autoren schreiben, einfache und zugängliche Therapien gehörten zu den stärksten Optionen für das Management von Kniearthrose ohne Medikamente. Das ist eine schöne Erinnerung daran, dass am Ende nicht die Technologie heilt, sondern das, was wir Therapeuten daraus machen.