Telerehabilitation in der Physiotherapie: Warum digitale Ergänzung statt Ersatz der Standard ist
Ein Leitartikel im Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy (JOSPT) formuliert es ungewöhnlich direkt: Telerehabilitation ist kein digitaler Ersatz für verpasste Präsenztermine, sondern eine…
Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 31. August 2026

Ein Leitartikel im Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy (JOSPT) formuliert es ungewöhnlich direkt: Telerehabilitation ist kein digitaler Ersatz für verpasste Präsenztermine, sondern eine notwendige Erweiterung unserer therapeutischen Arbeit. Wer Telereha weiterhin als Notlösung versteht, baut das falsche Haus – und zwar ausgerechnet dort, wo Versorgung ohnehin schon dünn ist.
Was das JOSPT konkret einfordert
Die Autorinnen und Autoren des Leitartikels plädieren dafür, Telerehabilitation konsequent neu zu rahmen. Nicht als Krücke für ausgefallene Sitzungen, sondern als zusätzliches Versorgungsfenster zwischen den Präsenzterminen. Für unsere tägliche Praxis bedeutet das: Patientinnen und Patienten, die aus beruflichen, logistischen oder schmerzbedingten Gründen nicht regelmäßig in die Praxis kommen, bleiben nicht automatisch auf der Strecke. Telereha wird damit zur Frage der Versorgungsqualität – nicht der Technikverliebtheit, und schon gar nicht der Bequemlichkeit einzelner Praxen.
Gleichzeitig warnt das Editorial davor, bestehende Behandlungsverläufe 1:1 in einen Video-Call zu pressen. Wer bisher mit Hands-on, manueller Therapie und gezielter Belastungssteuerung gearbeitet hat, sollte nicht plötzlich glauben, dass eine Kamera die biomechanische Beobachtung ersetzt. Die therapeutische Verantwortung bleibt – sie verteilt sich nur auf mehr Zeitfenster.
Drei Fragen, die wir uns vor jedem Telereha-Pilot stellen
Bevor wir über Plattformen, Apps oder Kameras reden, klären wir in unserer Praxis drei klinische Fragen:
- Welche Patienten profitieren messbar von zusätzlichen Kontakten zwischen den Sitzungen – im Hinblick auf Belastungstoleranz, Adhärenz und Schmerzverlauf?
- Welche Phasen der Übungsprogression eignen sich überhaupt für Video-Supervision, welche zwingend für Hands-on in der Praxis?
- Wie dokumentieren wir Telereha so, dass Heilmittelverordnung und Kostenträger die Leistung sauber abbilden, ohne dass am Ende Grauzonen entstehen?
Wer diese Punkte nicht ehrlich beantworten kann, sollte transparent bleiben. In dem Fall ist Telereha tatsächlich nur das schnellere Pferd auf dem Weg in die falsche Richtung – und genau diese Haltung kritisiert das JOSPT.
Was bleibt zu beobachten
Spannend wird, ob deutsche Berufsverbände und Fachgesellschaften das Editorial aufgreifen und in die laufenden Debatten zur Heilmittelverordnung einspeisen. Solange fehlt der politisch-rechtliche Rahmen, der digitale therapeutische Leistungen klar und abrechenbar macht. Genau das ist der eigentliche Engpass – nicht die mangelnde Bereitschaft der Patienten, und auch nicht die Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen. Wer jetzt anfängt, die eigenen Abläufe telereha-fähig zu machen, ist vorbereitet, sobald die Rahmenbedingungen nachziehen.