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Eine Kolumne von Jörn Röttger

Meldung

Wenn Fitnessstudios zu Therapiezentren werden: Neue Konkurrenz für Physiotherapeuten

Nach einer aktuellen Übersicht von AD HOC NEWS drängt die Fitnessbranche derzeit massiv in unser Revier: Bundesweit eröffnen Studios, die Training und Therapie unter einem Dach bündeln – von…

Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 30. August 2026

Wenn Fitnessstudios zu Therapiezentren werden: Neue Konkurrenz für Physiotherapeuten

Nach einer aktuellen Übersicht von AD HOC NEWS drängt die Fitnessbranche derzeit massiv in unser Revier: Bundesweit eröffnen Studios, die Training und Therapie unter einem Dach bündeln – von Steinhagen über Hainichen bis Bad Ems und Neuwied. Für uns Therapeuten an der Front ist das kein Randthema, sondern eine konkrete Marktbewegung mit Folgen für unseren Praxisalltag.

Sechs Eröffnungen in einem Monat

Ende August 2026 hat Karen Schmidt in Steinhagen ihr zweites Gesundheitsstudio an der Brinkstraße 21 eröffnet – ausgerichtet auf mehrere Altersklassen und mit therapeutischen Angeboten neben klassischem Training. In Hainichen hat die Kette All-Time Fitness an der Heinrich-Heine-Straße 28 eine Fläche im ehemaligen Tengelmann-Markt bezogen, Training rund um die Uhr, im Obergeschoss sitzt K5 Sports & Lifestyle. In Neuwied hat die Valea Gesundheit GmbH am Ringmarkt 9 ihre Fläche durch die Integration der Praxis „Im Hessel" verdoppelt, das MVZ wurde mit der Internistin und Diabetologin Uliana Nykolyshchak verstärkt, Oberbürgermeister Jan Einig schaute persönlich vorbei. In Bad Ems eröffnete Steffen Best mit BEST-Physio an der Bergstraße 2 – Krankengymnastik, Manuelle Therapie, Lymphdrainage – Stadtbürgermeister Oliver Krügel kam zur Eröffnung. Und in Bielefeld planen Yvonne Hattenhauer, Sina Grawe und Helena Engelmann für Anfang Oktober den „ORA Soul Club": Pilates-Studio, Café und Gemeinschaftsraum in einer ehemaligen Kirche.

Das ist kein Zufallstreffer. Da wird ein Markt bedient, den wir über Jahre mit aufgebaut haben – Patienten, die nach der Reha nicht in ein anonymes Fitnessstudio zurückfallen wollen, sondern gezielte Betreuung suchen.

Was das für unsere Praxen bedeutet

Wir Therapeuten sollten das weder als feindliche Übernahme lesen noch naiv ignorieren. Zwei Fragen muss jeder für seine Region beantworten: Wo ergänzen sich die Angebote sinnvoll – und wo wird heilversprochen, was nicht haltbar ist?

Training allein ist noch keine Therapie. Ein Reha-Plan nach Knie-TEP folgt anderen Regeln als ein gerätegestütztes Aufbauprogramm im Gym. Belastungstoleranz, Dosierung, Red Flags – das ist unser Handwerk. Wenn ein Studio Reformer Pilates, Krankengymnastik und Manuelle Therapie im Portfolio führt, ist die entscheidende Frage nicht, ob das angeboten werden darf, sondern wer es mit welcher Qualifikation macht. „Therapeutische Maßnahmen" auf der Website klingt erstmal beruhigend, ist aber keine Fachqualifikation.

Internationale Daten stützen im Übrigen die Grundidee der Kombination: Die auf dem ESC-Kongress 2026 vorgestellte SWEDEHEART-Studie zeigt laut European Society of Cardiology, dass ferngesteuerte, trainingsbasierte kardiologische Rehabilitation zusätzlich zu zentrumsbasierten Programmen zu einer ähnlichen Zahl abgeschlossener Einheiten führt wie die rein zentrumsbasierte Variante. Die Botschaft dahinter: Nicht das Setting entscheidet über den Erfolg, sondern die therapeutische Begleitung. Diese Logik gilt auch für unsere Patienten.

Wer in seiner Region mit einem gut aufgestellten Studio kooperiert, kann Patienten sauber übergeben – vom Heilmittel in die langfristige Trainingsbegleitung. Das funktioniert nur, wenn wir die Schnittstelle aktiv gestalten, statt sie dem Markt zu überlassen.

Worauf Patienten achten sollten

Wer als Patient überlegt, ein solches Kombiangebot zu nutzen, sollte konkret nachfragen: Wer führt die therapeutischen Anwendungen durch – Physiotherapeut mit abgeschlossener Ausbildung oder angelernter Trainer? Gibt es eine Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt oder Therapeuten? Und ganz praktisch: Wird vor Trainingsbeginn eine individuelle Befundung erstellt, oder geht es nach dem Gießkannenprinzip los?

Mein pragmatischer Rat: Wer eine ärztliche Diagnose mitbringt, bleibt auf dem Heilmittelweg und nutzt das Training als Ergänzung – nicht als Ersatz. Wer ohne akute Beschwerden präventiv etwas tun will, kann mit einem Kombistudio wenig falsch machen, solange die Anbieter ihre Grenzen kennen. Und wer unsicher ist, fragt uns Therapeuten – wir kennen die regionalen Angebote und können einschätzen, was funktioniert.