Warum Aufstehen vom Boden die wichtigste Übung für Senioren ist
Fit&Well hat Dr. Christynne Helfrich, Physiotherapeutin bei Hinge Health, nach den drei Übungen gefragt, die sie Patienten über 60 mit auf den Weg geben würde – und die Antwort ist so einfach wie unbequem.
Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 29. August 2026

Üben, was im Alltag wirklich gebraucht wird: selbstständig vom Boden hochkommen. Für uns Therapeuten keine Überraschung, aber eine willkommene Bestätigung dessen, was Belastungstoleranz im echten Leben bedeutet – und ein nüchternes Gegenargument zu jedem Eso-Heilversprechen aus der Wohlfühl-Ecke.
Spezifität schlägt Gerätetraining
Helfrich nennt es specificity of training – auf Deutsch: Wer vom Boden hochkommen will, muss das Aufstehen vom Boden üben. Klingt nach Binsenweisheit, ist aber genau das, was in den meisten Trainingsplänen fehlt. Stattdessen werden Beinpresse, Latzug und Co. trainiert, während die Bewegung, die im Ernstfall zählt, liegen bleibt. Sie empfiehlt, das Aufstehen wiederholt in einer sicheren Umgebung zu probieren, mit stabilem Sofa oder Stuhl in Reichweite. Drei- bis viermal pro Woche, eingebaut ins Training oder als „exercise snack" zwischendurch.
In der Verordnungspraxis sehe ich trotzdem selten, dass diese Alltagsbewegung tatsächlich trainiert wird. Wir therapieren Hüfte, Knie, Lendenwirbelsäule – aber die Fähigkeit, im Notfall vom Boden aufzustehen, kommt in keinem Standard-Heilmittel vor. Das holen wir Therapeuten meistens in den letzten Behandlungseinheiten unter, wenn überhaupt. Zeit, das zu ändern.
Die drei Übungen im Kurzformat
Sit-to-Stands. Aus einem stabilen Stuhl aufstehen, langsam und kontrolliert. Damit trainierst du Gluteus, Oberschenkel und den Druck durch die Füße – alles, was beim Aufstehen vom Boden gebraucht wird. Stuhl mit gerader Lehne, Hände anfangs auf den Oberschenkeln, später ohne Abstützen. Hier sieht der Patient sofort, ob die Beine noch zwölf saubere Wiederholungen schaffen.
Wandliegestütze. Die Wand nimmt Druck aus Schulter- und Handgelenken, trainiert aber Arme, Brust, Schultergürtel und Rumpf. Genau die Muskulatur, die beim Abstützen vom Boden gebraucht wird. Mit zunehmender Kraft: stabiler Tisch, dann Arbeitsplatte, irgendwann der Boden. Es geht um Aufbauarbeit, nicht ums Austesten der Grenzen.
Kniebeugen. Nicht in die Tiefe, sondern durch einen kontrollierten Bewegungsumfang. Helfrich betont: Das Ziel ist nicht die maximale Kniebeugung, sondern saubere Bewegung mit Belastungstoleranz. Hüft- und Oberschenkelmuskulatur, die einen aus der tiefen Position nach oben drücken. Auch hier: Stuhl als Sicherheit, Füße schulterbreit, langsam runter, langsam hoch.
Was das in der Praxis bedeutet
Was mich an Helfrichs Liste überzeugt: null Geräte, null Studio, null Bequemlichkeitsversprechen. Ein Stuhl, eine Wand, ein Stück Boden. Genau das, was wir Patienten mitgeben können, wenn das Heilmittelbudget aufgebraucht ist und die Krankenkasse schon lange nicht mehr mitmacht.
Die Anwendung ist einfach. Wer über 60 ist oder selbst Probleme hat, vom Boden hochzukommen: Diese drei Übungen ins Eigentraining einbauen, dreimal pro Woche, langsam steigern. Wer als Therapeut arbeitet: Packt die Übungen in die letzte Behandlungseinheit, zeigt sie den Patienten, lasst sie üben, bis die Bewegung sitzt. Die meisten werden danach mehr können, als sie selbst erwartet hätten.
Und falls jemand fragt: Ja, selbstständiges Aufstehen vom Boden ist ein aussagekräftiger Funktionstest. Wer es nicht mehr schafft, hat ein erhöhtes Sturzrisiko. Wer es schafft, hat zumindest die Grundkraft, die für ein selbstbestimmtes Alter reicht. Wir messen das in der Praxis viel zu selten. Helfrichs Liste ist ein guter Anfang, das zu ändern.