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Starker Rücken, freie Bewegung, jeden Tag.

Eine Kolumne von Jörn Röttger

Meldung

Warum Standardübungen bei Knieschmerzen oft scheitern und was wirklich hilft

Da ist zunächst ein Instagram-tauglicher Remixer aus Quadrizeps-Sets, Leg Raises, Hamstring Curls und Bridges, frisch veröffentlicht bei fuelcarmagazine als vermeintlicher Sofortplan gegen Knieschmerz.

Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 28. August 2026

Warum Standardübungen bei Knieschmerzen oft scheitern und was wirklich hilft

Drei Meldungen aus dieser Woche, und jede erzählt eine andere Geschichte über unseren Alltag an der Therapiebank.

Vier Übungen, fertig, Schmerz weg. Kennen wir. Sehen wir jede Woche. Funktioniert nur in den seltensten Fällen so, wie das Titelbild verspricht.

Was die Liste verschweigt

Wer mit Knieschmerz in die Praxis kommt, bringt selten ein einheitliches Problem mit. Eine Quadrizeps-Schwäche ist klinisch etwas anderes als ein Patellaspitzensyndrom, und ein Hamstring-Defizit hat mit einer beginnenden Gonarthrose erstmal nichts zu tun. Die Übungen selbst sind nicht falsch – Sets und Curls gehören seit Jahrzehnten zum Handwerk. Aber ohne Befund sind sie wie Autofahren mit zugeklebter Windschutzscheibe: man kommt irgendwie voran, sieht aber nicht, was einen erwartet.

Bevor ich irgendetwas verschreibe, will ich wissen: Wo tut es weh, wann, bei welcher Belastung, wie sieht die Bewegungsamplitude aus, was sagt die Anamnese zur Belastungstoleranz, zum Alltag, zum Sportverhalten. Erst danach kommt ein Trainingsplan. Alles andere ist Lotterie – und genau das ist der Grund, warum Patienten nach sechs Wochen Youtube-Training frustriert bei uns sitzen.

Die Studie aus Cureus – endlich Differenzierung

Wesentlich substanzieller liest sich die zweite Meldung: Bei Cureus ist eine Arbeit zu Läuferinnen und Läufern mit unspezifischem Kreuzschmerz erschienen, die Posterior-Chain-Krafttraining und Wirbelsäulenstabilisation in Kombination untersucht. Genau die Mischung, die wir in der Praxis seit Jahren fahren. Endlich nicht mehr nur „Dehnen" oder nur „Kräftigen", sondern beides, mit klarem biomechanischen Hintergrund.

Für unsere laufenden Patienten ist das relevant. Wenn der posteriore Hebel – Gluteal, Hamstrings, autochthone Rückenmuskulatur – schlapp ist, kippt das Becken, die LWS kompensiert, und irgendwann meldet sich der Schmerz. Dass dieser Zusammenhang nun auch publiziert wird, hilft uns gegenüber Kassen und gegenüber den Patienten, die mir erzählen, Laufen sei „ja eigentlich gesund". Richtig, aber nur mit intakter Kette.

Schlaf, Steifigkeit und das Chaos am Morgen

Die dritte Meldung bei News9live greift einen Klassiker auf: Patienten wachen steif auf, weil sie schlecht geschlafen haben. Klingt trivial, ist klinisch aber brisant. Schlafqualität beeinflusst Schmerzverarbeitung, Muskelfunktion und Regeneration direkt. Wer morgens mit Steifigkeit in die Praxis kommt, erzählt selten „mir fehlt Magnesium", sondern eher „ich liege wach, wälze mich, stehe dann trotzdem auf und ziehe es durch".

Heißt für uns: Schlafhygiene gehört in die Anamnese. Nicht als Wellness-Modul, sondern als harter Faktor für Gewebetoleranz und Compliance. Wer chronisch schlecht schläft, trainiert gegen eine Wand – egal, wie gut das Programm ist.

Was bleibt

Die Woche zeigt einmal mehr: Gute Übungslisten gibt es viele, saubere Befundung ist Mangelware. Wer als Patient nur eine Liste mitnimmt, läuft Gefahr, am Problem vorbei zu trainieren. Wer als Kollege nur eine Liste verschickt, spart sich genau die Arbeit, die den Unterschied macht. In unserer Praxis beginnt Knieschmerz nicht mit der ersten Übung, sondern mit der ersten Frage. Der Rest ergibt sich.