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Eine Kolumne von Jörn Röttger

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Prähabilitation: Wie gezielte Physiotherapie Operationen hinauszögern oder vermeiden kann

Ein aktueller Beitrag auf chronicleonline.com greift ein Thema auf, das in unserem Praxisalltag viel zu selten Beachtung findet: Physiotherapie vor einer geplanten Operation.

Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 26. August 2026

Prähabilitation: Wie gezielte Physiotherapie Operationen hinauszögern oder vermeiden kann

Der Artikel diskutiert, unter welchen Bedingungen eine gezielte Rehabilitation den Eingriff verzögern oder im besten Fall sogar verhindern kann. Für uns Therapeuten an der Front ist das keine Überraschung – wir sehen die Patienten meistens erst danach, wenn die Narbe schon verheilt ist und die Muskulatur sich an das Schonverhalten erinnert.

Wenn Aufbau vor dem Skalpell sinnvoll ist

Die Grundfrage, die das Stück aufwirft, ist berechtigt: Wann kann Physiotherapie eine Operation verzögern oder sogar vermeiden? Aus dem vorliegenden Material lassen sich keine konkreten Zahlen, Studiendesigns oder Patientengruppen ableiten – chronicleonline.com liefert nur Titel und Richtung des Beitrags. Was bleibt, ist ein Trend, der international diskutiert wird: "Prehabilitation" als eigenständiger Begriff vor orthopädischen Eingriffen.

In unserer Praxis sehen wir regelmäßig, was passiert, wenn dieser Schritt fehlt. Patienten mit Knie-TEP ohne vorherige Kräftigung der Quadrizeps-Muskulatur brauchen postoperativ deutlich länger, um das Gangbild zu normalisieren. Patienten mit Schulter-OP ohne präoperative Beweglichkeitsarbeit starten die Reha mit einem zusätzlichen Handicap. Umgekehrt gilt: Wer vor dem Eingriff gezielt an Beweglichkeit, Belastungstoleranz und Compliance arbeitet, geht mit einer messbar besseren Ausgangslage in die Nachbehandlung.

Klinisches Reasoning als tägliche Pflicht

Passend dazu erscheint bei Cureus eine Fallserie mit dem Titel "Clinical Reasoning in the Absence of a Protocol: A Case Series of Physical Therapy Following Orthobiologic Interventions for Chronic Musculoskeletal Conditions". Übersetzt in unsere Sprache: Wie therapieren wir Patienten ohne starres Schema weiter, wenn die Evidenzlage dünn ist und kein Behandlungsprotokoll den Weg vorgibt? Genau hier liegt unser Handwerkszeug. Wir Therapeuten müssen Clinical Reasoning jeden Tag aufs Neue leisten – bei jedem Patienten, in jeder Sitzung. Wer sich an Protokolle klammert, wird scheitern, sobald der Fall vom Lehrbuch abweicht.

Die Fallserie adressiert dabei einen zentralen Punkt: orthobiologische Interventionen bei chronischen muskuloskelettalen Beschwerden sind ein wachsendes Feld, aber die Nachbehandlung ist oft Neuland. Hier braucht es erfahrene Praktiker, die evidenzbasiert arbeiten, ohne sich hinter Algorithmen zu verstecken.

Was bleibt für Kollegen und Patienten

Wer mit der Diagnose "OP-Termin in drei Monaten" in unsere Praxis kommt, sollte die Zeit nicht ungenutzt lassen. Fragt den Operateur, ob eine vorbereitende Physiotherapie möglich ist. Klärt mit dem Patienten die Ziele: Beweglichkeit verbessern, Muskulatur aktivieren, Gangbild stabilisieren, Compliance aufbauen. Falls die Operation kommt, ist der Patient um Monate voraus. Falls sie sich durch die verbesserte Ausgangslage erübrigt, haben wir gemeinsam eine Operation vermieden.

Mein pragmatischer Vorschlag: Schreibt die Prehabilitation nicht als Wellness-Programm in die Akte, sondern als therapeutische Notwendigkeit in die Verordnung. Nutzt die Heilmittelverordnung konsequent – nicht erst, wenn die Narbe schon verheilt ist und die Krankenkasse fragt, warum die Reha so lange dauert.