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Eine Kolumne von Jörn Röttger

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Shrimp Posture: Warum die eingerollte Haltung Ihrem Rücken schadet

Nach Angaben von Yahoo Health und AOL.com macht derzeit der Begriff „Shrimp Posture“ die Runde. Gemeint ist eine nach vorn eingerollte Haltung mit runden Schultern, abgesenktem Kopf und einem oberen Rücken in C-Form.

Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 25. August 2026

Shrimp Posture: Warum die eingerollte Haltung Ihrem Rücken schadet

Für uns in der Physiotherapie ist das kein neues Krankheitsbild, sondern ein griffiger Name für ein bekanntes Haltungs- und Belastungsmuster – mit einem wichtigen Unterschied: Nicht eine einzelne krumme Minute ist das Problem, sondern stundenlange Wiederholung ohne ausreichenden Positionswechsel.

Kein Befund, sondern ein Haltungsmuster

„Shrimp Posture“ ist keine medizinische Diagnose. Der Ausdruck beschreibt eine Körperposition, die vor allem beim Arbeiten am Laptop, beim Sitzen am Schreibtisch und beim langen Blick auf das Smartphone entsteht. Der Kopf sinkt nach unten, die Schultern wandern nach vorn, und der obere Rücken rundet sich zunehmend.

Das passiert nicht nur Menschen mit Bürojob. Wer häufig auf das Handy schaut oder beim Tippen dauerhaft nach unten blickt, kann in dasselbe Muster geraten. Der entscheidende Faktor ist laut den im Bericht zitierten Fachleuten die Kombination aus Dauer und Wiederholung: Der Körper bleibt über lange Zeit in einer ähnlichen Position, ohne ausreichend Gegenbewegung.

Das ist der Punkt, den viele Haltungstipps unterschlagen. Wir müssen nicht den ganzen Arbeitstag wie eine anatomische Schaufensterpuppe aufrecht sitzen. Das wäre weder realistisch noch besonders alltagstauglich. Entscheidend ist, dass der Körper nicht stundenlang in einer einzigen Position festhängt. Auch der beste Bürostuhl ersetzt keine Bewegung. Leider hat noch kein Hersteller den Stuhl erfunden, der den Nutzer zuverlässig zum Aufstehen zwingt. Die Krankenkasse wird es vermutlich ebenfalls nicht übernehmen.

Wo die Haltung kippt

Eine schwache Muskulatur im mittleren Rücken, bei den tiefen Halsbeugern und im Gesäß kann laut dem Bericht dazu beitragen, dass die eingerollte Position leichter fällt. Das bedeutet nicht automatisch, dass jede nach vorn geneigte Haltung auf eine Muskelschwäche zurückzuführen ist. Es zeigt aber, warum der Körper eine bestimmte Position als bequem oder energiesparend bevorzugen kann.

Auch der Arbeitsplatz kann das Muster fördern. Als problematisch werden ein zu niedrig eingestellter Monitor, ein zu hoher Schreibtisch und eine zu weit entfernte Tastatur genannt. Ein unpassender Stuhl kann ebenfalls eine Rolle spielen. Ist die Sitzfläche zu tief, rutschen manche Menschen auf die vordere Kante des Sitzes. Die Rückenunterstützung wird dann praktisch zur Dekoration.

In unserer Praxis ist deshalb die erste Frage nicht: „Wie sieht Ihre Haltung aus?“ Sondern: „Wie lange bleiben Sie so sitzen, und was passiert dabei mit Ihrer Belastungstoleranz?“ Ein Foto der Sitzposition kann einen Moment dokumentieren. Es sagt aber wenig darüber aus, wie der Körper auf einen kompletten Arbeitstag reagiert.

Was sich praktisch prüfen lässt

Der erste Schritt ist eine nüchterne Arbeitsplatzkontrolle. Steht der Monitor so niedrig, dass der Kopf ständig nach unten fällt? Liegt die Tastatur so weit entfernt, dass die Schultern nach vorn gezogen werden? Ist der Tisch zu hoch? Passt die Sitztiefe zum Körper, oder sitzt man dauerhaft auf der Stuhlkante?

Danach geht es um Verhalten, nicht um Perfektion. Die Position regelmäßig verändern. Den Blick vom Bildschirm lösen. Zwischen Sitzen, Stehen und kurzen Bewegungsphasen wechseln. Beim Smartphone nicht jede Nachricht mit dauerhaft gesenktem Kopf beantworten. Das klingt banal. Genau deshalb wird es so häufig ignoriert.

Wer bereits Beschwerden hat, sollte nicht einfach irgendeine Übung aus sozialen Medien übernehmen. Der Bericht verweist zwar auf Übungen zur Verbesserung des Musters, nennt in den vorliegenden Angaben aber keine konkreten Bewegungsabläufe. Eine seriöse Empfehlung muss deshalb zur individuellen Situation passen. Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder neurologische Auffälligkeiten gehören fachlich eingeordnet – statt mit dem nächsten Haltungstrend überklebt.

Die brauchbare Botschaft hinter dem „Shrimp“-Begriff ist einfach: Nicht die perfekte Haltung rettet den Arbeitstag. Mehr Variation, ein sinnvoll eingerichteter Arbeitsplatz und eine Belastung, die der Körper tatsächlich toleriert, sind die deutlich realistischere Strategie. Haltung ist kein moralischer Test. Sie ist eine Frage von Gewohnheit, Umgebung und verfügbarer Bewegung.