Motion Capture in der Physiotherapie: Mehr als nur Spielerei für die Rehabilitation?
Im Fachjournal Cureus ist ein neues systematisches Review erschienen, das die Integration von biomechanischer Analyse und Motion-Capture-Technologie in der Physiotherapie und Rehabilitation untersucht.
Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 30. August 2026

Motion Capture in der Reha – Laborluxus oder Praxisgewinn?
Für uns Praktiker ist das mehr als ein akademisches Thema: Es entscheidet sich hier, ob unsere tägliche Arbeit objektiver, messbarer und damit besser wird – oder ob wir am Ende nur schöne Kurven produzieren, die niemand braucht.
Was das Review verspricht
Die Autorinnen und Autoren bündeln die vorhandene Evidenz zur Integration von Bewegungsanalyse in Therapie und Reha. Klingt erstmal trocken. Tatsächlich geht es um die Gretchenfrage, ob wir in zehn Jahren noch mit Augenmaß und Goniometer arbeiten oder ob 3D-Kameras, Drucksensoren und KI-gestützte Gangbilder zur Standardausstattung gehören. Der Volltext steht aus – meine entscheidenden Fragen sind: Welche Outcomes wurden gemessen, welche Patientengruppen untersucht, und wie groß fällt der Effekt auf Funktion und Schmerz im Vergleich zur konventionellen Therapie aus?
Warum mich das an meinem Behandlungsstuhl betrifft
Ich sehe täglich Patienten, die eine OP hinter sich haben und subjektiv überzeugt sind, ihr Gangbild sei wieder normal. Ist es meistens nicht. Ohne objektive Messung arbeiten wir mit Annahmen – und Annahmen sind in der Belastungssteuerung der schlechteste Ratgeber. Wenn Motion-Capture valide Daten liefert, die meine klinische Hypothese bestätigen oder widerlegen, ist das ein Gewinn. Wenn ich damit nur das bestätige, was ich ohnehin sehe, war der Aufwand umsonst. Reduziert auf eine Frage: Verändert es mein therapeutisches Handeln – ja oder nein?
Der weitere Kontext
Parallel bewegen sich andere Bereiche: WION berichtet über den Einsatz solcher Präzisionstechnologien in der orthopädischen Chirurgie. Die University of Nevada, Reno weitet ihr DPT-Programm aus – ein Hinweis, dass Bewegungsmessung in der US-Ausbildung stärker verankert werden soll. Was unsere Patientinnen und Patienten aus Klinik und Studium mitbringen, landet früher oder später auf unserer Therapiebank. Wir sollten also nicht abseits stehen, wenn das Thema Fahrt aufnimmt.
Mein nächster Schritt
Paper lesen, kritisch prüfen, dann entscheiden. Ich filtere für mich nach drei Kriterien: Reproduzierbarkeit der Messung, klinische Relevanz der Endpunkte und Praktikabilität im Praxisalltag. Solange die Evidenz keine klaren Vorteile zeigt, bleibt Motion-Capture für mich ein optionales Tool – nicht der neue Standard. Compliance, Belastungstoleranz und das ehrliche Gespräch am Patienten schlägt kein Algorithmus.