physio-zell

Starker Rücken, freie Bewegung, jeden Tag.

Eine Kolumne von Jörn Röttger

Meldung

Kostenlose Massagen für Schwangere und Mütter: Ein Modell für unsere Praxis?

Wie der „Sudbury Star" berichtet, bietet das Cambrian College in Sudbury ab dem 10.

Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 31. August 2026

Kostenlose Massagen für Schwangere und Mütter: Ein Modell für unsere Praxis?

September kostenlose Massage-Sitzungen für Schwangere und Frauen nach der Geburt an – ausgeführt von fortgeschrittenen Studierenden unter Aufsicht registrierter Therapeuten. Klingt nach einer Randnotiz aus Ontario, ist für uns Therapeuten aber ein willkommener Aufhänger: Wie sieht es mit Massage in Schwangerschaft und Wochenbett eigentlich hierzulande aus?

Was Cambrian konkret anbietet

Die Massage-Therapy-Klinik des Colleges richtet sich an Schwangere und an Frauen, deren Geburt bis zu 18 Monate zurückliegt. Die 60-minütigen Termine laufen donnerstags und freitags (9:30–10:30 Uhr sowie 11–12 Uhr) bis zum 18. Dezember. Parallel finden im Herbsttrimester Säuglingsmassage-Seminare statt – ebenfalls kostenlos, mit Anmeldung. Rein formal: ein Lehrprojekt, keine reguläre Versorgung. Praktisch aber zeigt das Angebot, wo die Versorgungslücke klafft – denn wer betreut die Frauen in dieser Phase wirklich strukturiert?

Warum das nicht nur Wellness ist

Die Kollegen aus Sudbury listen für die Säuglingsmassage die üblichen Effekte auf: Stärkung der Eltern-Kind-Bindung, Entspannung, Linderung typischer Säuglingsbeschwerden, Unterstützung der Verdauung, gesunde Muskel- und Gelenksentwicklung, motorische Förderung. In unserer Erwachsenenpraxis sehen wir darüber hinaus vor allem die Engpässe bei den Müttern selbst: Schulter-Nacken-Verspannungen durch ständiges Tragen, Narben nach Sectio, Beckenboden-Thematiken, die viel zu lange unter „das geht schon wieder weg" verbucht werden. Eine Professorin der Einrichtung, Ali McKee, bringt es im Begleittext der Klinik auf den Punkt: Frauen in dieser Phase stellten ihr eigenes Wohlbefinden meist hinten an. Kennen wir. Sehen wir jeden Tag in der Praxis.

Was ich Patientinnen immer wieder sage

  • Vor jeder Behandlung Rücksprache mit Hebamme oder Gynäkologie. Kontraindikationen in der Schwangerschaft sind kein theoretisches Thema – die kennen wir als Behandler, und die Frau sollte sie kennen.
  • Auf die Qualifikation achten. „Masseur" ist kein geschützter Begriff. Physiotherapeut mit entsprechender Zusatzqualifikation oder Heilpraktikererlaubnis – das ist die saubere Seite.
  • Im Wochenbett nicht warten, bis der Schulter-Nacken-Bereich komplett blockiert ist. Heilmittelverordnung über den Hausarzt, Termin in der Praxis – fertig.
  • Bei Säuglingsmassage: Einmal von jemandem zeigen lassen, der Anatomie und Handling kennt. YouTube-Videos sind nett, aber kein Ersatz für eine fachliche Anleitung.

Die kanadische Aktion läuft bis Mitte Dezember. Ob hierzulande ein vergleichbares Lehrangebot existiert, ist mir nicht bekannt – aber gratis abwarten muss trotzdem niemand. Wer Beschwerden hat, kann jetzt aktiv werden.