Warum Physiotherapie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen unterschätzt wird
Nach Angaben von World Physiotherapy war der 8. September 2026 der diesjährige Welt-Physiotherapie-Tag. Klingt nach Aktionismus, nach einem Termin im Kalender, den die Branche brav abhakt.
Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 13. September 2026

Ist es auch – aber das Motto dieses Jahres trifft einen Nerv, über den wir in deutschen Praxen viel zu selten reden: die Rolle von Physiotherapie und körperlicher Aktivität in Prävention, Behandlung und Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfall.
Kardiovaskulär und neurologisch – jenseits von BWS und ISG
Wir Therapeuten sehen täglich Rücken, Schultern, Knie. Das ist unser Brot-und-Butter-Geschäft, und ehrlich gesagt: Hier sind wir stark. Aber kardiovaskuläre Erkrankungen? Schlaganfall-Reha? Da wird es für viele Kollegen dünn. Der Weltverband hat den Aktionstag 1996 ins Leben gerufen, das Datum erinnert an die Gründung der WCPT im Jahr 1951. Es geht um Sichtbarkeit – und die ist nötig.
Denn Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor die häufigste Todesursache weltweit. Und genau hier sitzen wir auf einer Ressource, die das System viel zu selten abruft. Belastungstoleranz, motorisches Lernen, dosierte Bewegung – das sind keine Adjuvanten, das sind Kernkompetenzen unseres Berufs.
Was die aktuelle Berichterstattung zeigt
Jüngste Berichte aus den USA unterstreichen, dass Physiotherapie in vielen Fällen eine Operation überflüssig machen kann – von Bandscheibenvorfällen über Spinalkanalstenosen bis hin zu Gonarthrose. Cleveland Clinic und Jacksonville Orthopaedic Institute listen konservative Maßnahmen als erste Behandlungsoption, nicht als letzte Reserve. Hierzulande kennen wir die Diskussion: konservativ vor operativ – in der Theorie eine Selbstverständlichkeit, in der Praxis ein täglicher Kampf gegen Hausärzte, die reflexartig zum Skalpell überweisen, und gegen Kassen, die Heilmittel knapp halten.
Das gilt umso mehr für die kardiovaskuläre Reha. Nach Infarkt oder Schlaganfall ist Bewegung kein Bonus, sondern Therapie. Die Studienlage ist solide. Die Realität in deutschen Praxen: Wir kämpfen mit Heilmittelverordnungen, die Aerobic und Krafttraining am Gerät kaum abbilden. Ein Rezept Krankengymnastik reicht nicht, um Herzpatienten sicher zu führen.
Der Auftrag an uns selbst
Der diesjährige Welttag ist kein Grund für warme Worte. Er ist eine Erinnerung daran, dass unser Beruf mehr kann, als die Heilmittelkataloge hergeben. Wir müssen die kardiologische und neurologische Rehabilitation offensiver als unser Feld beanspruchen – nicht aus Eitelkeit, sondern weil Patienten sie brauchen.
In unserer Praxis sehe ich regelmäßig, wie jemand nach Bypass-OP mit drei Rezepten Krankengymnastik nach Hause geht und danach weitgehend allein gelassen wird. Das ist Systemversagen, und wir sollten aufhören, es als Normalität zu akzeptieren. Bewegung ist Medizin – und wir sind diejenigen, die dosieren, überwachen und individualisieren können.
Also: Wenn am 8. September jemand fragt, warum dieser Tag wichtig ist, lautet meine Antwort nicht Symbolik. Sie lautet: Weil wir als Berufsstand mehr Verantwortung tragen, als uns die Kassen zugestehen – und weil Herzgesundheit kein Bonusprogramm ist.