Sechs essenzielle Übungen für Kraft, Mobilität und ein stabiles Gleichgewicht
Sechs Übungen, die in jeder Praxis Sinn ergeben – und trotzdem nicht in jedem Heilmittelrezept auftauchen. Wie die New York Times berichtet, haben vier Physiotherapeuten genau das empfohlen, was wir Therapeuten ohnehin täglich verschreiben.
Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 01. September 2026

Die Liste ist weniger Lifestyle-Inspiration als eine ehrliche Bestandsaufnahme dessen, was wirklich hält.
Was wirklich zählt
Theresa Marko, Conor Nordengren, Dhara Shah und Carrie Pagliano nennen übereinstimmend sechs Bewegungen: Einbeinstand, Hip Hinge, kontrollierter Stuhl-Aufstand, Dead Bug mit Zwerchfellatmung, Wandliegestütz und Cat-Cow. Nichts Neues – und genau das ist der Punkt.
Die Begründung ist so schlicht wie solide: Balance lässt mit dem Alter nach, wenn niemand sie aktiv trainiert. Marko bringt es auf den Punkt – sie steht nach eigener Aussage im Küchenalltag beim Warten auf den Kaffee auf einem Bein. Dreißig Sekunden pro Seite, täglich. Wer wackelt, darf die Anrichte als Sicherheit nutzen. Das ist keine Schwäche, sondern propriozeptive Ehrlichkeit.
Wo das Training den Unterschied macht
Beim Stuhl-Aufstand entscheidet die Absenkphase, nicht die Wiederholungszahl. Shah empfiehlt im NYT-Gespräch, den Sitz nur leicht zu berühren und langsam abzusenken – das mache die Übung spürbar schwerer. Zwei Sätze à zwanzig Wiederholungen, mehrfach pro Woche. Studien an älteren Erwachsenen zeigen, dass die Aufsteiggeschwindigkeit aus dem Stuhl Aufschluss über den Erhalt der Beinfunktion über vier Jahre gibt.
Der Dead Bug mit bewusster Ausatmung in der Streckphase hebt die Übung über das übliche Bauchmuskelzucken hinaus. Zwei Sätze à acht Wiederholungen, mehrfach die Woche. Paglianos Diagnose trifft es: Vielen Patienten fehle schlicht die Grundkraft – nicht die sichtbare Definition, sondern die tiefe Stabilität.
Cat-Cow und Hip Hinge stehen bei mir in der Praxis ohnehin auf jedem Plan gegen das, was langes Sitzen anrichtet. Kein Wundermittel, aber zuverlässiges Schmiermittel für den Rücken.
Was die Liste nicht abdeckt
Die Wandliegestütze beginnt bei zwei Sätzen à zehn Wiederholungen, zweimal pro Woche. Wer Fortschritte will, senkt die Unterlage – realistisch über acht bis zwölf Wochen. Schneller geht kaum, auch wenn Patienten das anders hören wollen.
Was die Empfehlung unterschlägt, ist die Belastungstoleranz. Frische Knie-OP, akute ISG-Problematik, neuropathische Defizite – wer hier blind auf „dreißig Sekunden täglich" pocht, macht mehr kaputt als ganz. Red Flags bleiben eine klinische Entscheidung, kein Wellness-Tipp aus dem Internet. In unserer Praxis gehört vor jede dieser Übungen ein kurzer Funktionscheck. Nicht jedes Rezept aus dem Netz verträgt sich mit dem, was am Behandlungstag tatsächlich geht.