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Eine Kolumne von Jörn Röttger

Meldung

Why More Patients Are Turning to Physical Therapy Before Surgery

Baptist Health, einer der großen Krankenhausverbünde in den USA, formuliert in einem aktuellen Beitrag genau das, was wir hierzulande in jeder zweiten Heilmittelverordnung spüren: Immer mehr…

Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 08. September 2026

Why More Patients Are Turning to Physical Therapy Before Surgery

Baptist Health, einer der großen Krankenhausverbünde in den USA, formuliert in einem aktuellen Beitrag genau das, was wir hierzulande in jeder zweiten Heilmittelverordnung spüren: Immer mehr Patienten landen zuerst bei uns Therapeuten, bevor überhaupt ein Skalpell zur Sprache kommt. Die Botschaft ist eindeutig – konservative Behandlung ist keine Verzögerungstaktik, sondern oft die klügere Erstlinie bei muskuloskelettären Beschwerden. Für unsere Praxen heißt das: Wir stehen am Anfang der Therapiekette, nicht am Ende einer OP-Indikation.

Konservativ ist kein Notbehelf

Die Sportmediziner Michael Swartzon und Alex Mafdali von Baptist Health Orthopedic Care beschreiben den typischen Erstkontakt: Patienten mit zermürbendem Knie-, Schulter- oder Hüftleid erscheinen häufig mit der fixen Idee, die OP sei der nächste logische Schritt. Genau diese Erwartung wollen die Kollegen brechen. Swartzon weist laut Beitrag darauf hin, dass ein orthopädisches Erstgespräch keineswegs automatisch in eine Operation mündet – bei medizinischer Eignung würden zunächst konservative Wege ausgeschöpft, um Schmerz zu lindern, Funktion zu verbessern und die Betroffenen zurück zu ihren Aktivitäten zu bringen.

Zur konservativen Linie zählt das Haus je nach Diagnose Aktivitätsanpassung, Medikation, Orthesen, Injektionen bis hin zu PRP – und eben Physiotherapie als tragende Säule. Mafdali unterstreicht, dass es keinen einheitlichen Behandlungspfad für alle gebe; Diagnose, Schwere, Gesamtzustand und vor allem die konkreten Ziele des Patienten entschieden über den Plan. Wer mit der Einheitsverordnung reinkommt, wird scheitern. Wer mit Befund und Funktionsanamnese kommt, bekommt eine passende Therapie.

Physiotherapie ist kein Trostpflaster

Für unsereins besonders erfreulich – und lange überfällig: Swartzon formuliert es unmissverständlich. Physiotherapie sei nicht die zweitbeste Lösung gegenüber einer Operation, sondern eine sichere, wirksame Behandlung, die das Problem vollständig beheben könne. Die Therapie adressiere die eigentlichen Defizite – Schwäche, Steifigkeit, Mobilitätsverlust, fehlerhafte Bewegungsmuster – und schaffe damit oft genau dort Veränderung, wo ein Schnitt gar nicht ansetzt. Zusätzlich gewinnt das Behandlungsteam über den Verlauf wertvolle Informationen: Reagiert der Patient mit besserer Belastungstoleranz, spricht das fürs Weitermachen; stagniert die Funktion, wird neu kalibriert – in Richtung Operation, Injektion oder Anpassung des Übungsprogramms.

Genau das ist der Punkt, den Patienten oft nicht auf dem Schirm haben. Sie sehen das Skalpell als Lösung und uns als Wartezimmer bis dahin. Unsere Aufgabe: früh genug gegensteuern, bevor die Indikation in Stein gemeißelt ist.

Was das für unsere Praxis heißt

In den USA ist der Direktzugang zum Physiotherapeuten verbreiteter als bei uns. Wie die Business Journals melden, eröffnen selbst in konservativ geführten Regionen wie Alabama Praxen, die ohne ärztliche Überweisung starten – ein Modell, das hierzulande weiter gegen die Heilmittelrichtlinie arbeitet. Zeitgleich erinnert der heutige Welttag der Physiotherapie am 8. September an den Stellenwert unseres Berufsstands, und Überblicksarbeiten wie die auf Bioengineer.org deuten an, dass spielerische Telereha etwa bei Multipler Sklerose die klassische Therapie sinnvoll ergänzen kann.

Heißt für den Alltag: Patienten kommen früher, mündiger und mit konservativer Erwartung in unsere Räume. Das ist Chance und Verantwortung zugleich – Belastungstoleranz statt Schonprogramm, saubere Diagnostik statt Verlegenheitsgymnastik, konsequente Compliance statt netter Plauderstunde. Wer hier liefert, macht den entscheidenden Schritt vor jeder OP überflüssig. Und wer das nicht liefert, braucht sich nicht wundern, wenn der Orthopäde den Fall übernimmt.