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Eine Kolumne von Jörn Röttger

Meldung

Physiotherapie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Neue Standards für die Rehabilitation

World Physiotherapy hat eine neue vierjährige Kampagne gestartet – gewidmet nicht-übertragbaren Krankheiten, kardiovaskulären Erkrankungen und der Schlaganfallrehabilitation.

Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 08. September 2026

Physiotherapie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Neue Standards für die Rehabilitation

Physiotherapie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfallrehabilitation: Endlich Bewegung in die Leitlinien

Gleichzeitig liegen neue Leitlinien vor, die frühzeitige, ganzheitliche Rehabilitation nach Schlaganfall in den Fokus rücken. Für uns in der Praxis ist das mehr als ein symbolisches Datum. Es bestätigt endlich auf internationaler Ebene, was wir täglich sehen: Strukturierte Bewegung und individuelle Rehabilitation sind kein Nice-to-have, sondern zentraler Bestandteil der Genesung.

Was die Kampagne für unseren Alltag bedeutet

Herz-Kreislauf-Erkrankungen bleiben weltweit eine der häufigsten Todesursachen. Der Bereich umfasst ein breites Spektrum: koronare Herzkrankheit, Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit. Was oft untergeht: Spezialisierte Physiotherapie ist über die gesamte Versorgungskette hinweg ein Kernelement – von der Akutbehandlung über die postoperative Rehabilitation bis hin zur Wiedereingliederung in den Alltag und der langfristigen Sekundärprävention.

Die Leitlinien betonen evidenzbasierte, individuell angepasste und interdisziplinäre Versorgungswege. Das klingt abstrakt, bedeutet in der Praxis aber: Wir als Physiotherapeuten assessen, verschreiben, monitorisieren und steigern die Rehabilitation progressiv – vom Krankenbett bis zum selbstständigen Leben in der Gemeinschaft.

Früh beginnen, ganzheitlich denken

Besonders relevant für uns: Die neuen Empfehlungen zur Schlaganfallrehabilitation setzen auf frühen Beginn und eine ganzheitliche Betrachtung. Das deckt sich mit dem, was wir in der Praxis erleben – Mobilität, Gleichgewicht, funktionelle Ausdauer und langfristige Selbstständigkeit lassen sich am besten fördern, wenn man frühzeitig ansetzt und den Patienten als Gesamten betrachtet.

Für die kardiale Rehabilitation gilt: Belastungsbasierte Programme sind ein zentraler Baustein. Wir beurteilen die Belastungstoleranz, passen das Training an die individuelle Situation an und sorgen dafür, dass Patienten sicher zurückfinden in ein aktives, unabhängiges Leben.

Praxisrelevanz: Was wir konkret mitnehmen

Erstens: Die internationale Anerkennung stärkt unsere Argumentation bei Kostenträgern und Kollegen aus anderen Fachbereichen. Wenn World Physiotherapy eine vierjährige Kampagne startet, ist das kein Marketing-Gag, sondern ein klares Signal an die Versorgungssysteme.

Zweitens: Die Symptomatik kardiovaskulärer Erkrankungen – Brustenge, Belastungsdyspnoe, persistierende Fatigue, ausstrahlende Schmerzen, autonome Zeichen wie kalter Schweiß und Schwindel – gehört in unser Screening-Repertoire. Auch asymptomatische Verläufe, sogenannte stumme Ischämien, müssen wir im Hinterkopf behalten.

Drittens: Risikofaktoren wie Hypertonie, Dyslipidämie, Diabetes, Bewegungsmangel und Übergewicht betreffen einen erheblichen Teil unserer Patienten. Inkontinenz und abdominale Muskelschwäche nach Schwangerschaft und Geburt kommen hinzu – auch hier kann Physiotherapie frühzeitig ansetzen, wie eine Fachkollegin kürzlich betonte.

Was es zu beobachten gilt: Wie die neuen Leitlinien konkret in nationale Versorgungsstrukturen übersetzt werden und ob die Krankenkassen die evidenzbasierte Physiotherapie bei kardiovaskulären Erkrankungen tatsächlich adäquat vergüten. Denn eines ist klar – ohne adäquate Verordnungswege bleibt auch die beste Evidenz ein stumpfes Schwert.