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Eine Kolumne von Jörn Röttger

Meldung

Warum Patienten mit hohem Therapiebedarf oft monatelang auf Termine warten

Eine aktuelle Meldung von Yahoo greift auf, was mich in unserer Praxis nicht überrascht: Nicht alle Patientengruppen bekommen ihre Physiotherapie gleich schnell.

Jörn Röttger, Physiotherapeut und Experte für evidenzbasierte Praxis·aktualisiert 05. September 2026

Warum Patienten mit hohem Therapiebedarf oft monatelang auf Termine warten

Berichtet wird, dass ausgerechnet die Patienten mit dem größten Bedarf oft die längsten Verzögerungen erleben. Schön, dass darüber geschrieben wird – das Problem kenne ich aus jedem Quartal. Wer im Heilmittelsystem schwer ist, rutscht nach hinten. Das ist keine Überraschung, sondern System.

Warum trifft es ausgerechnet die Komplexen?

Die Logik dahinter ist unbequem, aber klar. Patienten mit komplexen Diagnosen, mehreren Nebenerkrankungen oder neurologischen Defiziten passen nicht sauber in eine Standardverordnung. Wer eine 6-mal Krankengymnastik bei akutem LWS-Syndrom bekommt, ist in 48 Stunden irgendwo untergebracht. Wer nach einer Schlaganfall-Reha, mit Multipler Sklerose oder postoperativ nach Knie-TEP mit Begleitpathologien kommt, hat ein Problem.

Das Heilmittelsystem belohnt das Schnelle und Einfache – genau das wird priorisiert. Multimorbidität, Sprachbarriere, psychische Komorbidität oder fehlendes lautes soziales Netzwerk tauchen in keiner Wartelisten-Statistik auf. Die Betroffenen stehen trotzdem am längsten. Wir Therapeuten an der Front kennen diese Lücke, weil wir täglich die Folgen sortieren.

Was das praktisch bedeutet

Ich behandele Patienten, die mit einer Verordnung zu mir kommen, die schon drei Monate alt ist. Drei Monate, in denen sich Muskelatrophie, Schonhaltung und Schmerzchronifizierung aufgebaut haben. Die Biomechanik verzeiht das nicht – eine nicht versorgte postoperative Schulter wird in wenigen Wochen steifer, als es ein halbes Jahr konsequente Therapie wieder auflösen kann. Wer zu spät kommt, zahlt doppelt: mit Zeit und mit Belastungstoleranz.

Was ich Patientinnen und Patienten konkret mitgebe, um diese Wartezeit nicht tatenlos zu verbringen:

  • Verordnung frisch halten. Lassen Sie sich nicht mit einer uralten Verordnung abspeisen. Fragen Sie aktiv beim Hausarzt oder Operateur nach einer zeitnahen Ausstellung oder Folgeverordnung.
  • Spezialisierung erfragen. Wer neurologisch, postoperativ oder komplex versorgt werden muss, sollte gezielt nach Praxen mit passender Qualifikation fragen – nicht jeden freien Termin bei irgendeinem Anbieter annehmen.
  • Compliance beginnt vor dem ersten Termin. Gehtraining, sanfte Mobilisation, Selbstmanagement – was Sie in der Wartezeit sinnvoll tun, verkürzt die spätere Therapie und verbessert das Outcome messbar.
  • Red Flags sofort adressieren. Taubheit, rascher Kraftverlust, Blasen- oder Mastdarm-Störung – das ist kein „abwarten", das ist ein Fall für den Arzt am gleichen Tag.

Mein Fazit als Praktiker

Die Yahoo-Meldung ist für mich Anlass, nicht Inhalt. Was wir Therapeuten brauchen, sind Versorgungspfade, die Komplexität honorieren statt bestrafen – und Abrechnungsmodelle, die nicht nach Quartal, sondern nach Bedarf funktionieren. Bis das kommt, gilt eine einfache Regel: Wer die längsten Wartezeiten hat, braucht die aktivsten Patienten und die Therapeuten, die laut genug sind, das auf den Tisch zu bringen.

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